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17.03.2020 «Es wird bei allen Kindern einen Knick geben»

Quelle: Zürcher Regionalzeitungen - Wie lief der erste Schultag im Corona-Modus, wie funktioniert Fernunterricht, wo wird es Probleme geben? ZLV-Präsident Christian Hugi gibt Auskunft im Interview mit Heinz Zürcher, Redaktor bei den Zürcher Regionalzeitungen.

Herr Hugi, die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner rechnet mit einer anfänglichen Chaosphase im Schulbetrieb. Wie erleben Sie es?

Nicht so – wobei mir der Gesamtüberblick noch fehlt. Vieles ist unklar, aber in unserer Schule am Wasser in Zürich-Höngg bleiben alle ruhig und überlegen sich, wie wir die Kinder erreichen, sie unterrichten und ihnen das Material zukommen lassen. Ich erlebe eine grosse Solidarität und Hilfsbereitschaft in der Lehrerschaft. Über Facebook und andere Plattformen werden Ideen ausgetauscht. Das habe ich auch von anderen Schulen gehört.

Sind alle Kinder betreut?
Bei uns sind nur 5 von 300 Kindern in die Schule gekommen. Dafür bin ich dankbar. Ein grosses Dankeschön an die Eltern, dass sie in so kurzer Zeit eine Lösung gefunden haben. Die Situation ist sehr ernst und es ist wichtig, dass die Massnahmen des Bundes umgesetzt werden. Wir müssen auch schauen, dass Lehrpersonen, die zur Risikogruppe gehören oder daheim ein Kind betreuen müssen, zu Hause bleiben können.

Die Stadt macht strenge Vorgaben. Nur Kinder, deren Eltern in einem systemrelevanten Bereich arbeiten oder wirklich keine Alternative haben, dürfen in die Schule.
Das ist auch richtig so, weil die Stadt viel mehr Schülerinnen und Schüler hat. Wie es aussieht, haben viele Eltern eine Lösung gefunden, teils mit Nachbarn oder Verwandten. Man muss allerdings sagen, dass im Quartier Höngg vermutlich viele Eltern einen Beruf haben, in dem sie von zu Hause aus arbeiten können. Das ist natürlich nicht überall so.

Wie wird sich der Fernunterricht auf die Qualität auswirken?
Es wird bei allen Kindern einen Knick geben, bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Die Schule gibt Schülerinnen und Schülern eine Struktur. Das fällt nun weg. Und das trifft Familien, in denen die Erziehung eh schon schwierig ist oder die Unterstützung der Eltern fehlt, noch viel stärker. Kinder, deren Eltern viel bieten, profitieren klar mehr. Vor allem in den unteren Schulstufen. Es droht eine Verzerrung der Chancengerechtigkeit.

Lässt sich diese Bildungslücke wieder schliessen?
Bis zu den Frühlingsferien wirkt sich das noch nicht gross aus. Aber wir müssen uns auf eine längere Schulschliessung vorbereiten. Es ist ein noch ungelöstes Problem.

Auch das Familienleben wird auf die Probe gestellt.
In der Pubertät haben die Jugendlichen nicht immer das beste Verhältnis zu ihren Eltern. Jetzt reissen sich womöglich alle noch zusammen. Aber wenn der Unterricht daheim zur Routine wird, kann es sein, dass sich Frustration, die sich in der Anfangsphase aufgestaut hat, später entlädt.

Wie kann die Schule helfen?
Kinder und Jugendliche haben in der Schule ihre Bezugspersonen. Es ist deshalb wichtig, dass die Lehrpersonen auch persönlich in Kontakt bleiben mit den Schülerinnen und Schülern, sich telefonisch oder per Skype immer mal wieder nach dem Befinden erkundigen. Rituale sind ebenfalls sehr wichtig.

Wie unterrichtet man aus der Ferne?
Zunächst einmal geht es darum, dass sich alle Kinder in Ruhe für den Unterricht zu Hause einrichten können. Solange sie mit Organisieren beschäftigt sind, wird es schwierig, Stoff aufzunehmen.

Da fangen die Probleme schon an. Nicht alle haben eigene Handys oder genügend Notebooks zu Hause.
Fernunterricht muss auch ohne digitale Mittel möglich sein – gerade in den unteren Stufen. Viele Eltern brauchen die Geräte ja selber für ihr Homeoffice. Meine 2. Klasse wird vor allem mit Büchern und Heften arbeiten – mit Material, das sie schon kennen.

Wo werden Sie anfangs den Fokus setzen?
Dass die Kinder bald einen Rhythmus haben, selbstständig arbeiten können und zunächst einmal Erworbenes festigen. Lesen und Gestaltungsaufträge sind nun geeignet.

Werden Sie die Leistungen kontrollieren oder prüfen?
Das steht nun nicht im Vordergrund. Und ich weiss auch noch nicht, wie wir das lösen werden. Wir haben von daher Glück, dass die Übertritte schon geklärt sind und auch die Gymi-Aufnahmeprüfungen durchgeführt werden konnten. Auch die Nachprüfungen sollten ja stattfinden.

Wie stellt man sicher, dass die Kinder genug Bewegung haben?
Das ist noch eine Herausforderung – genauso wie der Musikunterricht.

Kann man den Kindern gut erklären, was aktuell passiert?
Ja. Alle waren schon einmal erkältet, es ist für sie fass- und begreifbar. Sie haben auch verstanden, dass sie selber nicht ernsthaft gefährdet sind. Aber es gibt natürlich auch die Atmosphäre dieses Ausnahmezustands, die sie sehr gut spüren.

Gibt es Kinder, die Angst haben?
Ein Kind, das wir am Montag in der Schule betreut haben, sagte, es mache sich Sorgen. Das ist verständlich. Es war ganz still im Schulhaus, die Gänge leer. Aber von Angst hat bis jetzt kein Kind geredet.

Wie geht es Ihnen persönlich?
Es geht mir gut. Aber ich bin letzte Nacht aufgewacht und konnte lange nicht einschlafen. Es beschäftigt mich.

Hat diese aktuelle Notlage auch Vorteile?
Nein. Sicher wird man dereinst seine Lehren daraus ziehen, aber Vorteile hat diese Situation bestimmt nicht – und es wäre zynisch, zu sagen, sie wäre gut oder gar nötig gewesen.