Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband
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29.08.2014 Grosser Handlungsbedarf bei Frühförderung

Medienmitteilung ZLV - Die Bildungsdirektion hat heute Freitag die Resultate der Lernstandserhebung 2012 kommuniziert. Sie zeigen neben vielen guten Resultaten auch einige beunruhigende Fakten: 18% der Schüler/-innen repetieren im Verlauf ihrer Schulzeit ein Jahr, und am Ende der obligatorischen Schulzeit finden beinahe 30% der Jugendlichen keine direkte Anschlusslösung. Ebenfalls ungelöst ist das Problem, dass Jugendliche aus benachteiligten sozialen Kreisen ihren initialen Rückstand nicht aufholen. Der ZLV fordert die Regierung auf, Gegenmassnahmen hohe Priorität einzuräumen. Dazu gehören Schritte in der vorschulischen Frühförderung und im Übergang von Sekundarstufe I zu Sekundarstufe II.

In die Lernstandserhebung 2012 wurden Ende der 9. Klasse dieselben 2000 Schülerinnen und Schüler einbezogen wie bereits in den Jahren 2003 (Beginn 1. Klasse), 2006 (Ende 3. Klasse) und 2009 (Ende 6. Klasse). Die Lernbiographie dieser Kinder darf als sehr gut untersucht gelten. Was sich bei ihnen und ihren Lese- und Rechen-Kenntnissen zeigt, darf als Spiegelbild für die ganze Zürcher Volksschule dienen.

Viele Resultate der sehr nützlichen Lernstandserhebung sind positiv und unterstreichen Stärken des Zürcher Bildungssystems und die insgesamt gute Leistung der Schulen. Die Langzeitstudie legt jedoch erstmals in aller Deutlichkeit und Schwarz auf Weiss Schwachpunkte offen, die beunruhigen.

Es ist heute bekannt, dass die Repetition eines Schuljahrs die Schulleistung kaum positiv beeinflusst. Zudem ist gesetzlich festgehalten, dass eine Repetition nur als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen werden sollte. Dass 18% der 2000 an der Lernstandserhebung teilnehmenden Schülerinnen und Schüler im Verlauf der obligatorischen Schulzeit eine Klasse repetierten, ist vor diesem Hintergrund Besorgnis erregend. Die Gründe für die Repetitionsentscheide und die Rolle der Schulen sind dabei noch zu wenig untersucht und sollten im Fokus weiterer Abklärungen stehen.

 

Fast ein Drittel hat keine direkte Anschlusslösung

Ebenfalls nicht zufrieden stellen kann der Anteil von 28% von Schülerinnen und Schüler, die nach der obligatorischen Schulzeit keine direkte Anschlusslösung haben, also weder in eine weiterführende Schule (Mittelschule) noch in eine berufliche Grundbildung (Lehre) wechseln, sondern in eines der vielen Brückenangebote. Diese erhalten eine immer grössere Bedeutung, was der ZLV als strukturell falsch einstuft. Das Ziel des Bildungssystems muss sein, den allergrössten Teil der Schülerinnen und Schüler aus der obligatorischen Schulzeit direkt in eine Anschlusslösung der Sekundarstufe II zu vermitteln.

 

Keine Chance für sozial benachteiligte Jugendliche

Das dritte Problemfeld ist für den ZLV die Tatsache, dass der Leistungszuwachs bei Schülerinnen und Schülern aus sozial benachteiligten Kreisen über die gesamte obligatorische Schulzeit gesehen kleiner ausfällt als bei den anderen Kindern. Dies führt dazu, dass die Jugendlichen aus sozial schwächeren Kreisen ihren initialen Rückstand nie aufholen können. Die Lernstandserhebung zeigt, dass der Grund dafür nicht durch unterschiedliche Muttersprachen bedingt ist, sondern vor allem durch die soziale Herkunft. Umso wichtiger ist, dass die Zürcher Regierung und der Kantonsrat die Themen frühkindliche Förderung, Tagesschule und Elternschulung vorantreiben und ideologische Diskussionen in den Hintergrund treten. Letztlich geht es nicht nur darum, allen Schülerinnen und Schülern eine erfolgreiche Lernbiographie zu ermöglichen. Es geht vielmehr auch darum, die hohen Bildungsinvestitionen für Wirtschaft und Gesellschaft möglichst nutzbringend umzusetzen.

Bei all dem darf nicht vergessen gehen, dass quantitative Studien immer nur einen Teil der Wahrheit abbilden können, zumal die Lernstandserhebung nur auf die Fächer Deutsch und Mathematik fokussiert. Der ZLV ist überzeugt, dass die Zürcher Schulen über alles gesehen unter schwierigen Rahmenbedingungen sehr gute Arbeit leisten.