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10.04.2015 Offener Brief zum Fremdsprachenunterricht in der Primarschule

Offener Brief - Der ZLV schickt der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz und deren Präsident Christian Amsler einen Brief und lädt ihn zu einem Gedankenaustausch über den Fremdsprachenunterricht ein. Lesen Sie hier den Brief im Original.

Sehr geehrter Herr Regierungsrat Amsler

 

Nach wie vor ist das Thema „Sprachen in der Volksschule“ in der ganzen Schweiz eine zentrales und heiss diskutiertes Politikum. Der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband ZLV hat deshalb Ende 2014 bei seinen rund 4000 Mitgliedern eine entsprechende Umfrage durchgeführt. (s. Beilage). Die Ergebnisse lassen sich in zwei Kernaussagen zusammenfassen:

 

 

Die Lehrpersonen waren bei der Einführung der Regelung mit zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe mehrheitlich kritisch eingestellt – es gab aber auch viele positive Stimmen. Die damals versprochenen Rahmenbedingungen (keine Noten, nicht promotionswirksam, angepasste kleinere Lerngruppen) wurden jedoch im Verlauf der Zeit verändert oder gar nie eingehalten, was sich auf die Akzeptanz der Zweisprachen-Regelung bei den Lehrpersonen unserer Ansicht nach negativ auswirkte. Als grösstes Hindernis für einen nachhaltigen Erfolg des frühen Sprachenlernens erwies sich aber die ungenügende Stundendotation mit nur je zwei Wochenlektionen für die beiden Fremdsprachen. Statt in einer der beiden Fremdsprachen die Lektionendichte zu erhöhen, wurden die sprachlichen Bildungsziele verzettelt, was viele Schülerinnen und Schüler überforderte. Allzu oft mussten Lehrpersonen den Fremdsprachenunterricht auf andere Fächer ausdehnen, um die wichtigsten Ziele im Französisch und Englisch überhaupt erreichen zu können.

 

Darüber hinaus hat das sprachenlastige Konzept den Bildungsauftrag der Primarschule spürbar verändert. Umso grösser ist die Ernüchterung, da sich jetzt herausstellt, dass der frühe Fremdsprachenunterricht nur bescheidene Resultat vorweisen kann. Nun fragen sich viele Lehrpersonen: „Lohnt sich der ganze Aufwand wirklich?“

 

Der ZLV bedauert, dass im Kanton Zürich die vom Verband bereits 2010 geforderte Evaluation des Fremdsprachenunterrichtes an der Primarschule nie durchgeführte wurde. Dann hätte man heute auch Daten aus den Zürcher Schulen für eine sachliche Diskussion über die Nachhaltigkeit des frühen Fremdsprachenlernens.

 

Die Lehrerschaft ist sich bewusst, dass neben dem pädagogischen Aspekt das frühe Lernen der französischen Sprache in unserem viersprachigen Land ein zentrales Anliegen ist. Pädagogisch gibt es starke Argumente für nur eine Fremdsprache an der Primarschule, politisch haben wir Verständnis, dass Französisch bereits auf der Mittelstufe gelernt werden soll. Als Ausweg aus dem Dilemma könnten wir uns vorstellen, dass die funktionale Weltsprache Englisch deshalb erst ab Beginn der Oberstufe eingeführt würde.

 

Dass die Situation beim Sprachenlernen in der Primarschule als völlig unbefriedigend erachtet wird, zeigen bildungspolitische Aktivitäten in verschiedenen Kantonen. Mehrere kantonale Volksinitiativen für nur eine Fremdsprache werden im kommenden Jahr zur Abstimmung gelangen. Auch im Kanton Zürich ist zurzeit eine solche Initiative in Vorbereitung.

 

Der ZLV setzt sich dafür ein, dass eine für die Deutschschweiz sowohl pädagogisch wie politisch tragfähige Lösung gefunden werden kann. Wir haben Hoffnung, dass ein vernünftiger Ausweg aus der Sackgasse noch immer möglich ist. Um dieses Ziel zu erreichen, suchen wir mit Ihnen das Gespräch. Wir würden uns deshalb sehr freuen, wenn Sie als EDK-Präsident Deutschschweiz  die Einladung für einen Gedankenaustausch über die genannte Thematik annehmen würden. Bitte lassen Sie uns wissen, ob wir grundsätzlich für einen solchen Austausch auf Sie zählen dürfen. Um die Terminierung würden wir uns sobald wie möglich kümmern.

 

 

Mit freundlichen Grüssen

Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband