Das Interview mit Dirk Vaihinger wurde im März 2026 schriftlich geführt.
1. Der LMVZ feiert dieses Jahr sein 175-jähriges Bestehen. Gibt es ein Werk, das während dieser langen Zeit besonders prägend war – und weshalb?
Das prägendste Werk scheint immer das Französisch-Lehrmittel aus der eigenen Kindheit zu sein. Daran erinnern sich erstaunlich viele. Für unser Jubiläumsbuch «Bitte nicht ins Buch kritzeln!» haben wir prominente Persönlichkeiten gebeten, sich an ein Lehrmittel ihrer Kindheit zu erinnern. Die meisten erzählen von «On y va» oder von «Bonne chance» (das verrät auch ungefähr das Alter der Beiträger).
Ansonsten sind Lehrmittel Gebrauchsmedien. Je besser sie den Unterricht unterstützen und je besser sie Lernprozesse begleiten, desto prägender sind sie am Ende, unabhängig davon, ob man das überhaupt gemerkt hat oder nicht.
2. Was wünschen sich Lehrpersonen heute von einem Lehrmittel, und was überrascht Sie immer wieder an ihrem Feedback?
Nicht unbedingt überrascht, aber immer wieder erfreut bin ich über das Feedback, dass unsere Lehrmittel die besten sind! Ein einheitliches Feedback gibt es nicht, die Wünsche ähneln sich allerdings seit Jahren: Es wird mehr Lehrmaterial «nach unten» verlangt, also niederschwellige Niveaus für lernschwächere Schülerinnen und Schüler.
Eine heterogene Schülerschaft bedeutet eben auch, dass es aufwendig ist, diejenigen mitzunehmen, die am meisten Mühe haben. Die Alleskönner brauchen natürlich auch gutes Material, aber am Ende des Tages schlagen sie sich meist besser durch als die anderen. Wir bemühen uns, diesen Wünschen nachzukommen, und wir bekommen dafür auch Lob, zum Beispiel für «Mathematik klick», mit dem Lernende der Sekundarstufe I gezielt Lernlücken und mathematische Grundlagen aufarbeiten können.
3. Was wird ein Lehrmittel in 25 Jahren können müssen, das heute noch undenkbar ist?
Wenn es heute noch undenkbar ist, dann ist es unmöglich vorauszusagen, was Lehrmittel dereinst können müssen. Die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz bedeutet natürlich für das gesamte Bildungssystem an allen Enden eine grosse Herausforderung.
Meine Prognose hinsichtlich Chancen und Risiken ist sehr zwiespältig. Das menschliche Hirn ändert sich nicht, und wir müssen aufpassen, dass wir weiterhin und noch stärker die Kompetenzen fordern und fördern, die kritisches Denken und soziale Zusammenarbeit trainieren. Das werden unsere Kinder brauchen, völlig egal, was da sonst noch auf uns zukommt.
